Erinnerungen

Tschernobyl

An das Unglück von Tschernobyl kann ich mich noch gut erinnern.

Ich war in Wangen mit meiner Gitarre, als plötzlich seltsam gelbe Regenwolken aufzogen. Es regnete in Strömen, und ich wollte in dem starken Regen nicht mit meinem Fahrrad nach Hause fahren.

Also rief ich einen Freund an und bat ihn, mich mit dem Auto abzuholen.

Damals waren der Freund und ich Mitglied einer fröhlichen, ausgelassenen Jugendgruppe.

Offiziell nannte sie sich „Katholischer Landjugendbund“, aber wir waren alles andere als religiös. Wenn jemand vorschlug, sich einmal ernsthaft über ein Thema zu unterhalten oder etwas zu diskutieren, lehnten alle entschieden ab.
Aber wenn ein Diskoabend auf dem Programm stand, waren alle begeistert.

Kurz nach Tschernobyl kam der 1. Mai, und wir machten einen Ausflug mit dem Traktor.

Am Traktor hing ein Anhänger, auf dem Sofas standen – und viel Bier. So fuhren wir aufs Land hinaus.

Wir hatten keine Ahnung, dass wir unser Picknick auf radioaktiv verseuchten Wiesen machten.

Ein Junge aus der Gruppe war an diesem Tag sehr traurig. Alle sagten: „Na ja, er hat Liebeskummer, weil seine Freundin Schluss gemacht hat.“

Keiner fragte ihn, was wirklich mit ihm los war.
Ein paar Tage später beging er Selbstmord. Für seine Art von Traurigkeit hatte niemand eine Antwort.

Ungefähr ein Jahr später starben mein Opa und mein Cousin. Mein Cousin kam mit 34 Jahren bei einem Autounfall ums Leben.

Die Beerdigung war schrecklich: das verzweifelte Weinen seiner Frau, die kleinen Kinder, die nur dastehen konnten, weil sie noch nicht verstanden, was geschehen war.

Ich verließ daraufhin die Jugendgruppe und begann meine Suche nach Gott.

Es begann eine lange Reise, aber am Ende fand ich ihn und gewann ihn lieb.

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