Erinnerungen

Anton und Elise aus Boll bei Hechingen

Auszug aus dem Buch „Geschichten, die das Leben schreibt“

Ich weiß nicht, ob sich noch einige an Anton und Elise erinnern können.

Sie sind schon über 30 Jahre tot und ihr Grab auf dem Friedhof von Mariazell bei Hechingen existiert nicht mehr.

Eine Straße ist nach Anton benannt, aber ich denke nicht, dass jemand sich fragt, wer dieser Mann war. Es wäre ihm auch nicht recht gewesen, wenn jemand nach ihm fragen würde, da ich ihn sein Leben lang als einen sehr bescheidenen Mann kennengelernt habe, der nie Aufhebens um seine Person machte.

Bei Amazon kann man noch ein Buch von ihm kaufen, eine Chronik über sein Dorf Boll. Aber da sich heute kaum noch jemand für alte Geschichten interessiert, wird es wohl schwerlich zu verkaufen sein.

Das meiste, das ich über das Leben von Anton und Elise weiß, habe ich aus den Berichten meiner Tante erfahren, die in der Nähe von ihnen in Stetten lebte und mit der ich vor ihrem Tod oft telefoniert habe.

Auch durfte ich als Kind in ihrem Haus einige Zeit leben – eine herrliche Zeit.

Bevor Anton starb, besuchte ich ihn noch, ich war zwei Wochen bei ihm und genoss die Zeit mit ihm. Es tut gut, mit so liebevollen und bescheidenen Menschen zusammen zu sein.

Jetzt zu ihrer Geschichte: Anton wurde 1903 geboren, Elise 1910. Anton hatte sehr viele Geschwister. Zwei Brüder fielen im ersten Weltkrieg, eine Schwester starb jung an einer Zahnentzündung. Drei seiner Geschwister hab ich kennengelernt, als sie alt waren.

Anton verliebte sich in Elise, aber da sie sieben Jahre jünger war, kostete es ihn viel, seine Liebe zu ihr zu gestehen und sie zu fragen, ob sie ihr Leben mit ihm verbringen möchte.

Aber eines Tages brachte er den Mut auf und fragte sie. Sie sagte ja und sie heirateten. Ich kann mich noch gut an ihr Hochzeitbild erinnern. Elise hatte einen ganz normalen alten Mantel an und einen weißen Schleier.

Die Leute waren arm zu der Zeit und die beiden waren einfache Fabrikarbeiter. Anton arbeitete in einer Schuhfabrik.

Es wurden eine Tochter und ein Sohn geboren und als Elise mit der jüngsten Tochter schwanger war, brach der Zweite Weltkrieg aus.

Anton sagte, mit den Nazis haben wir nichts zu tun, so verbat er Elise, in die NSDAP einzutreten, und dadurch bekam sie oft keine Lebensmittelzuteilung wie die anderen Frauen, die in der NSDAP waren.

Das Leben war von Verzweiflung und Bangen geprägt.

Elise schlug die Kinder oft sehr, da sie einfach nicht begreifen wollten, wie groß die Not ist, und ihr Mühe machten, wenn sie die Strümpfe zerrissen und man keine neuen kaufen konnte.

Ich denke, man kann sich die nervliche Belastung nicht vorstellen, wenn im Radio die Namen der Gefallenen verlesen werden, der Name des Ehemannes fällt und man erst später erfährt, dass es ein Cousin war, der den gleichen Namen trug.

Elise wurde dazu noch schwer krank. Es wurde ein Operationsfehler im Krankenhaus gemacht, sie hörte die Ärzte sagen, jetzt müssen wir die Verwandten verständigen, sie hörte wunderschöne Musik und sah wunderschöne Farben. Aber sie überlebte.

Anton ging in den Krieg, es blieb im keine Wahl. Als Vater von drei Kindern kann man nicht riskieren, als Deserteur erschossen zu werden. Er wurde beim Zoll an der Schweizer Grenze eingesetzt. Dort schoss er einen schönen Fuchs, damit Elise einen Mantel mit Fuchspelz hatte.

Danach wurde er in französische Gefangenschaft geschickt. Die Franzosen demütigten die deutschen Soldaten sehr. Als er nach seinem Beruf gefragt wurde, sagte er, Landwirt, da er dachte, wenn ich auf einen Bauernhof geschickt werde, dann ist wenigstens Essen da, und er kannte sich in der Landwirtschaft aus.

So kam er in die Bretagne auf einen Bauernhof. Als er später aus dieser Zeit erzählte, dachte man, er sei im Urlaub dort gewesen, er sprach nur von den lustigen Sachen, dass dort die Hühner auf dem Tisch herumliefen und die Katzen die Teller leer leckten.

Nie sprach er vom Leid, das die Gefangenschaft mit sich brachte.

Als Elise ihm ein Päckchen schickte, schrieb er zurück: Schicke doch bitte nächstes Mal ein Päckchen Kaffee mehr, der Kamerad neben mir hat niemanden, der ihm etwas schickt.

So gingen der Krieg und die Gefangenschaft zu Ende und die beiden lebten in der Nachkriegszeit einfach und fleißig weiter.

Anton gründete die Musikkapelle neu und sie gingen ihrer täglichen Arbeit nach. Sie waren sehr gottesfürchtig, hatten einen Altar in ihrem Wohnzimmer, wo sie dreimal am Tag beteten, wenn in der Kirche im Dorf die Glocken läuteten. Über ihrem Ehebett hing ein Bild von Maria, Josef und Jesus.

Sonntags spazierten sie gemeinsam zu der Kapelle Maria Zell hoch, schauten die Gräber auf dem Friedhof dort an und waren traurig, wenn sie Namen von Freunden und Bekannten lasen.

Ein Auto hatte Anton nicht, er fuhr mit dem Traktor. Elise saß hinten auf der Rücksitzbank und so fuhren sie nach Hechingen hinein. Wenn ich alleine mit ihm fuhr, band er mich mit einem Kälberstrick an, damit ich nicht herunter fiel.

Als er dann im Alter anfing, rückwärts in die Einbahnstraßen hineinzufahren, sah er ein, dass er das Traktorfahren lieber sein lassen sollte.

Elise sagte, sie hätte so gerne nochmal ein kleines Kind zum Hüten. So bekamen sie mich in Pflege. Sie versorgten mich lieb.

Anton sagte zu meiner Mutter: Das Kind ist mir schon eine Last, wenn ich meine Freunde besuche, dann plappert es die ganze Zeit und stört, so dass ich mich nicht mit meinen Freunden unterhalten kann, aber ich kann das Kind doch nicht deswegen schlagen.

Anton sang mit mir den ganzen Tag. Sein Lieblingslied war: „Der Opa ist ein alter Mann, darum zieht er der Oma ihr Kopftuch an und geht er abends nicht schnell ins Bett, dann kommt die Oma mit dem Steck!“

Als Elise wieder krank wurde, kam ich zurück zu meinen Eltern. Als ich mir ein Tonaufnahmegerät wünschte, war er traurig, dass die Geräte so teuer waren und er mir keines schenken konnte, aber er schenkte mir ein Liederbuch mit den ganzen Volksliedern, die er mit mir zusammen sang, das Hirlinger Volksliederbuch.

Danach ging es Elise immer schlechter. Sie war lange Zeit sehr krank, Anton pflegte sie liebevoll, bis sie starb.

Bei ihrer Beerdigung sagten alle, er würde auch bald sterben, er hat sie so geliebt, dass er ihren Verlust nicht überleben würde.

Er hörte danach sehr lange kein Radio mehr – sonst hörte er immer klassische Musik im Radio – aber er konzentrierte sich auf das Leben, das weiterging.

Er lebte noch vier Jahre lang danach. Er lebte sehr diszipliniert, kochte jeden Tag für sich selber, seine Tochter putzte einmal die Woche und er schrieb zusammen mit einem Freund die Dorfchronik von dem Dorf, in dem er wohnte.

Als ich ihn das letzte Mal sah, sang ich ihm eine Hymne von Beethoven vor, was ihn sehr freute.

Im Alter von fast 85 wurde er sehr schwach und kam in ein Altersheim. Eine Woche danach senkte er beim Frühstück den Kopf und war verstorben.

Ich war froh, dass bei der Beerdigung schon der Sarg zu war, als wir ankamen, ich wollte ihn nicht als Toten sehen. Es war schon schlimm genug, dass bei der Beerdigung alle mit dem Finger auf mich zeigten und sagten „Das ist das kleine Mädchen, das er immer dabei hatte“.

Anton und Elise waren meine Großeltern. Und ich bin froh, solche Großeltern gehabt zu haben.

Hat dir die Geschichte gefallen, dann findest du mehr in meinem Buch „Geschichten, die das Leben schreibt“

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